Toscana 1997
Eine Reise in die Sonne ohne Cobra ist nur ein halber Urlaub. Wo auch immer wir waren, es überkam mich Wehmut, wenn ich die Sonne spürte, die herrlichen Straßen mit irgendeinem Mietwagen befuhr und wußte, daß ich das für diese Gegend und dieses Klima ideale Fahrzeug zuhause lassen mußte. Dieses Jahr sollte es anders sein. Ich wollte mal wieder einen ganzen und richtigen Urlaub und zwar mit der Cobra. Da Christel, das ist meine Kopilotin, schon immer von der herrlichen Toscana schwarmte, von dem milden Klima, den sanften Hügeln den sehenswürdigen alten Städten, den endlosen Zypressenalleen, war das Ziel schnell festgelegt. Italien, wir kommen.
Unsere zwei Koffer waren schnell verstaut. Verdeck, Werkzeug und ein paar Ersatzteile fanden auch ihren Platz und ab ging die Post äh, die Cobra. Ohne Verdeck ging es bei mittelprächtigem Wetter über die Autobahn bis in den SCHWARZWALD. Während wir noch glaubten unser erstes Hotel trocken zu erreichen, fing es auch schon an zu schütten. Ein Regenguß wie wir ihn im Westen nur selten erleben. Und das nur zweihundert Meter vor dem Hotel. Da es keine überdachte Einfahrt gab, hielten wir mitten auf der Terrasse. Die Persenning war schnell aufgelegt und so flüchteten wir unter den nächsten Sonnenschirrn, unter dem sich schon vier einheimische Wanderer drückten."... noch echte Cabriofahrer.. harte Burschen... tolle Karre", Wortfetzen, die ich mitbekam, während ich meine Gehörgänge entwässerte. Zwei Plätzchen am Ende der Bank waren noch frei und so warteten wir das Ende des Schauers ab. Der Boß hatte noch ein Zimmer frei, schob seinen Mercedes aus der Garage, damit da auch mal ein anständiges Auto drin steht, und wir verbrachten mit den vier Wanderern noch einen herrlichen Abend.
Über FREIBURG kreuzten wir am nächsten Tag den SCHWARZWALD, fuhren oberhalb des Bodensees ins ALLGÄU und von dort über FERNPASS und BRENNER bis nach BOZEN. Das Timmelsjoch zu nehmen, habe ich mich nicht getraut, da mein Kühlwassersystem immer noch "offen" war und ich befürchtete, daß es bei 2.700 M zu kochen anfangen würde. In den großen Apfelplantagen zwischen BOZEN und MERAN ist immer noch ein Zimmer frei, und so verbrachten wir zwei Tage in Südtirol. In Bozen schnell ein Paar Schuhe gekauft und dann mit Speed den MENDELPASS rauf. Ein schönes Sträßchen, wenig Verkehr und herrliche Serpentinen. Ein echter Spaß für die Zeit zwischen Kaffe und Abendessen.
Bei Festlegung der Route für die nächsten Tage fiel mir südlich von Modena das Städtchen MARANELLO auf. Da holt doch der Schuhmacher seine Ferraris her. Da es am Wege lag, wollten wir uns auch mal Ferraritown anschaun. Vorbei an MODENA und ab nach MARANELLO. Oh Gott, was für eine Enttäuschung. Ausstellung geschlossen, Geschäfte verriegelt, Werkszugang verbarrikadiert. Um 14.00 Uhr wollte man öffnen, als aber um 15.30 Uhr immer noch niemand zu sehen war; haben wir auf ein rotes Andenken verzichtet und verließen MARANELLO in südlicher Richtung auf einer Landstraße. Viel Sonne, viel Staub, viel Verkehr und viel flaches Land. Doch hinter PAVULLO wird die Landstraße 12 interessant. Hier beginnt der APENNIN mit seinen Paßhöhen so um die 1000 Meter. Wunderschöne zweispurige Bergsträßchen, wenig Verkehr und bei den Waldurchfahrten schöne kühle und sauerstoffreiche Luff, die dem Motor gut tut. Man mag gar nicht aufhören zu fahren, soviel Freude kommt auf.
Alles was uns im Norden so fehlt, wird einem hier in maßloser Menge geboten. Vierzig Kilometer Paradies noch an diesem Nachmittag, dann wurde es Zeit, sich um eine Garage und ein Zimmer zu bemühen. "Haben Sie eine Garage frei?". Wenn "Nein", dann weiter suchen, wenn dann "Haben Sie auch noch ein Zimmer frei?". Schon beim zweiten Versuch war die Antwort ein "Doppel-Ja".
Das war in PIEVEPELARGO, einem Städtchen in den Bergen, kurz vor dem Wintersportort ABETONE. Wir begannen uns an Pasta zu gewöhnen, Schinken aus Parma und roten Wein vom Lande. Schnitzel und Bier gerieten langsam in Vergessenheit.
Weiter geht es am nächsten Morgen in T-Shirt und Sonnenbrille auf der STRADA DI GRANDE NR.12, nachdem wir uns für das zweite Frühstück mit Brot, Wein, Schinken und Wurst versorgt hatten. Hier beginnt die TOSCANA und weitere 100 km Traumstraße lagen vor uns auf dem Wege nach LUCCA. Zweispurige Landstraßen durchs Mittelgebirge und das an einem Stück. Wo gibt es das noch?
Der Duft der Wälder, der Duft der gemähten Felder, kein Dach über dem Kopf, die Bäume zum Greifen nah. Den Berg hinauf, in Serpentinen hinunter. Zwischendurch zwei aufgemotzte Abarths vernascht, und wieder und wieder die Kurven hinauf und hinunter.
Der Chevy bringts und ich bin froh, daß ich mir eine Servolenkung eingebaut habe. Trotz vierzig Grad keine Probleme mit dem Motor. Alle Aggregate im grünen Bereich. Wasser und Öl bei 90 Grad, Automatic schon mal drüber; aber wenn es geradeaus geht normalisiert sich auch das wieder.
Für die alte Stadt LUCCA sollte man sich einen Tag Zeit nehmen. Eine Stadt mit einem alten Zentrum, das von einer 4,5 KM langen, 12 Meter hohen und 12 M breiten Stadtmauer aus Backsteinen umgeben ist. Ein Eldorado für die Damen. Ein Modegeschäft neben dem anderen, ein Quadratkilometer Shoppingmall mit italienischer Mode in einer antiken Stadt.
Am folgenden Tag prüften wir nach, ob der Turm zu PISA noch steht. Es war nicht einfach mit dem Auto nahe genug heranzukommen, denn eine Menge von Leuten wollten Ähnliches. Wir mußten viele kleine Gassen durchkreuzen, bis wir ihn dann endlich vor uns hatten, den schiefen Turm von PISA. Näher ran, ich will ein Bild von beiden Weltwundern dieser Erde. Hier ist eine Einbahnstraße, also rückwärts rein.
Stop, da kommt ein Polizist, also anhalten, dummes Gesicht machen. Er guckt, er staunt, er lächelt. Kein Strafmandat, nein. Er fragt nach "maccina" und anderen Dingen, die ich nicht verstehe. Doch 8 Zylinder, 5.7 Liter und molto PS hat er wohl verstanden. Ich zeige ihm meine Fotokamera und auch den schiefen Turm und irgendwie habe ich ihm zu verstehen gegeben, daß ich näher ran muß an den Turm, um ein Foto zu schießen. Und siehe da, er zeigt mir, daß ich rückwärts weiterfahren soll, immer die Einbahnstraße lang entgegen der Fahrtrichtung, soweit es mir gefalle. Mach ich, und wie Ihr an dem Bild des Jahres sehen könnt, er steht noch immer und Christel fühlt sich sichtlich wohl in der Sonne.
In CECINA wollten wir eigentlich die Beine ins Mittelmeer hängen, aber der Urlaubsbetrieb an diesem Badeort war uns zu hektisch.
Schnell fanden wir die STRADA D'lMPORTANCA REGIONALE NR.68 ins Inland zurück, ins HERZ DER TOSCANA. Hier beginnt die Toskanische Landschaft, so wie wir sie von Bildern kennen. Eine unbewaldete hügelige Landschaft mit seinen alten Dörfern, Burgen und Zypressenhainen. Hin und wieder ein Bergkegel, der sich aus der Landschaft heraushebt, und wer glaubt, die Straße ginge um den Berg herum, der findet sich getauscht. Die Straßenbauer nahmen jede Herausforderung der Natur an. Also ging die Straße nicht herum um den Berg, sondern in Serpentinen den Berg hinauf, die Kreuzungen liegen auf dem Gipfel, wenn nicht gerade eine Burg diesen Platz bereits beansprucht hätte, und auf der anderen Seite wieder in Serpentinen hinunter. Uns war es recht, denn so brauchten wir zur Besichtigung der alten Städte, die immer oben auf den Bergen liegen, keine Umwege fahren. Vorbei ging es an MONTEGEMOLT, VOLTERRA und SAN GIMIGNANO mit ihren Wolkenkratzern, Geschlechtertürmen aus dem Mittelalter.
Ziel des Tages war SIENA, für mich die schönste aller alten Städte, die wir auf dieser Tour besuchten. Außerhalb von SIENA, im südlichen Teil des CHIANTI fanden wir mitten in der Landschaft eine alte toskanische Villa mit einem erstklassigen Restaurant. Ein Bett mit Baldachin, alte holzbemalte Deckenkonstruktion, ein Bad, so groß wie ein Tennisplatz, eine Badewanne aus Marmor mit goldenen Wasserarmaturen. Um die Wege im Bad zu erledigen hätte ich die Cobra mit aufs Zimmer nehmen sollen, doch die Treppe war zu steil und durch die Tür hätten wir sie auch nicht gebracht. So stand sie unter unserem Fenster und der livrierte Hausdiener paßte auf sie auf.
Im gleichen Gemäuer befand sich eine Bar die vom Sohn der Besitzerin mit vielen Autoteilen dekoriert war denn der junge Mann war Rennfahrer und die Straße die an dem Gemäuer vorbei führte war die Route auf der die MILLE MIGLIA gefahren wurde. Klar daß wir mit unserer Cobra herzlich willkommen ,waren und viel Gesprächsstoff hatten. Leider konnte das die Dame des Hauses nicht dahingehend beeinflussen, uns für das Zimmer einen Sonderpreis einzuräumen. So knöpfte sie uns tatsächlich 400 DM für zwei Übernachtungen ab. Mit dem Bus besuchten wir SIENA, die wunderschöne alte Stadt mit ihrer großen halbkreisförmigen Piazza del Campo, auf der zweimal im Jahre Pferderennen veranstaltet werden, einmal der Geschichte und ein zweites mal der Touristen wegen. Unentwegt marschierten Trommler durch die engen Gassen, in denen jede Menge besichtigungswürdige Kirchen, Kapellen, Patrizierhäuser und Klöster liegen. Wir schafften SIENA an einem Tage, denn zumindest ich bin ein Kunstbanause und äußerst fußfaul. Dennoch war ich beeindruckt von dieser Stadt.
Als wir abends heimkamen in unser Apartment mit den goldenen Wasserhähner überkam mich Traurigkeit. Etwas fehlte mit an diesem Tag. Richtig, das Brabbeln der 8 Zylinder hatte ich noch nicht gehört. Also wurde abends die Cobra gesattelt und hinaus ging es in nördlicher Richtung ins Zentrum des CHIANTI. Nach zwei Stunden ging es mir besser und ich konnte den livrierten Hoteldiener wieder ertragen, wenn er mit seinen weißen Handschuhen das Besteck auf meinem Tisch zurechtrückte. Natürlich hatte er beim Kredenzen des Rotweins immer eine Hand auf dem Rücken.
Wir nahmen Abschied von SIENA und kreuzten den CHIANTI in nördlicher Richtung. FIRENZE lag vor uns, FLORENZ, das jeder mit der TOSCANA verbindet und das man gesehen haben muß, wenn man von der TOSCANA spricht. Das mag ja richtig sein, doch wir schenkten uns FLORENZ. Wir haben es uns aufgehoben für eine zweite Tour durch dieses herrliche Land. Und FLORENZ so im Vorübergehen mitzunehmen war uns zu schade. Also hielten wir uns westlich. VINCI war unser Ziel. Was, Du kennst VINCI nicht, nie was von gehört? Ging mir auch so, erst als meine Kopilotin mir den Namen des berühmten Sohnes dieses Ortes nannte, ging mir ein Licht auf. Richtig, LEONARDO DA VINCI ist uns allen bekannt. Mein Tribut an die Wissenschaft war eine Nacht in VINCI und ein Besuch des Museums. Eine Gegend, die man sich schenken kann, viel Straßenverkehr, viel Industrie, wenig Freude auf der Straße. Da sich das weiter nördlich nicht änderte, gings ab auf die AUTOSTRADA in nördlicher Richtung.
Vorbei an BOLOGNA und MODENA. Selbst MANTUA ließen wir liegen und hielten erst wieder am LAGO DI GARDA. Natürlich auf der westliche Seite, denn nur da geht es immer am Wasser entlang. Auf schmalen Straßen durch dunkle Straßentunnel, ohne Leitlinien, dafür jedoch mit Radfahrern, die urplötzlich vor einem in der Dunkelheit auftauchten. Wahrscheinlich eine der letzten großen Herausforderungen unserer Zeit, diese Strecke mit dein Fahrrad lebend hinter sich zu bringen.
Da wir noch eine Woche Zeit hatten und noch nicht auf der Diretissima nach Hause wollten, entschlossen wir uns, noch einmal die DOLOMITEN zu besuchen. Wir kreuzten also ostwärts durch SÜDTIROL, vorbei an CORTINA D'AMPEZZO und durchs CADORE TAL und verließen ITALIEN über den PLÖCKENPASS.
Am MILLSTÄTTER SEE vorbei, am WÖRTHER SEE vorbei ging's zum Wochenende nach ZELTWEG. Dort fuhr man gerade die FIA-GT Meisterschaft aus. Christel meinte, ich habe das so geplant, doch ich schwöre, es war reiner Zufall. Unser Hotelzimmer am Renntag haben wir nur der Cobra zu verdanken. Erst als die Besitzerin des Hotels unser Auto sah, rückte sie mit ihrem letzten Zimmer heraus, das eigentlich für das Schnitzer Team angemietet war, doch der Mechaniker, der noch nicht angereist war, wurde auf ein Doppelzimmer verlegt. "Oh mei, was für a scheenes Auto" waren ihre letzten Worte, als sie uns endlich den Zimmerschlüssel überreichte. Freiwillig machte sie dann noch ihre Garage frei, die sie uns kostenlos überließ. Was für eine nette Frau.
Danach gings heim über Linz, Passau und Nürnberg und von dort über die Autobahn an den heimischen Herd nach MÜLHEIM AN DER RUHR. Seit wir bei der Rückfahrt die ALPEN überquerten, war die Stimmung eine andere. Es war noch Urlaub, wir hatten noch einige Tage Zeit, doch im Herzen war der Urlaub, die berauschend schöne Zeit mit dem Verlassen der TOSCANA vorbei. Das Grün der Bäume ist anders, die Luft riecht anders, der Wein schmeckt anders, die Pasta gibt es auch nicht überall. Wir hatten unseren schönsten Urlaub - Cobra, Christel und ich - und wir werden bestimmt noch einmal zurückkehren nach CHIANTI und SIENA, denn wir haben ja FLORENZ ausgelassen, das man gesehen haben muß, wenn man über die TOSCANA spricht.
Wolfgang Biella